NL21-30Maurizio Vogrig

Seth-NL 27: Spontaneität - umgesetzt

NL21-30Maurizio Vogrig
Seth-NL 27: Spontaneität - umgesetzt

Liebe Seth-Leserin, lieber Seth-Leser

In Newsletter Nr. 7 haben wir darüber berichtet, dass Lynda Madden Dahls Tausendfaches Flüstern auch auf Italienisch erscheinen soll. Letzte Woche war es endlich soweit, und Lyndas wunderbares Buch ist jetzt sowohl als Print- wie auch als Ebook-Ausgabe erhältlich. Dante, der bereits an der italienischen Überseele-Sieben- und an der Emir-Übersetzung beteiligt war, hat großartige Arbeit geleistet und hofft jetzt, mit seinen Seth-FreundInnen aus Rom mit diesem Buch auch den Seth-Geist, "im Land, wo die Zitronen blühen", wieder etwas zu wecken. Aber natürlich eignet sich das Buch auch für alle, die ihr Italienisch etwas auffrischen möchten, bevor sie das nächste Mal in den Süden fahren. Und warum nicht mit einem Seth-Buch?


 *   *   *   *  *


Zwei wichtige und großartige Bücher zum Thema "Seth" sind Der Gott von Jane von Jane Roberts undApropos Jane Roberts von Susan M. Watkins. Beide Titel fristen seit ihrem Erscheinen in den USA eher ein Schattendasein, und auch in Europa bestand nie wirklich Interesse an diesen beiden Büchern. Gerade Der Gott von Jane birgt jedoch Einsichten, die sich so in den so genannten Seth-Büchern, also jenen Texten, die Seth durch Jane diktierte, nicht finden. Neben den zahlreichen originalen Seth-Sitzungen, die parallel zum Seth-Buch Individuum und Massenschicksal entstanden und dann in Der Gott von Jane veröffentlicht wurden, faszinieren aber vor allem Jane Roberts' Gedanken, die sie sich über ihr Leben mit Seth und dem Seth-Material machte und die sie schließlich in den etwas kryptischen Buchtitel einfließen lässt.

Apropos Jane Roberts von Susan M. Watkins war das dritte Buch, das sie über Jane und das Seth-Material schrieb. Konzentrierten sich die ersten beiden Texte, Bände 1 und 2 von Im Dialog mit Seth, vor allem darauf, wie die TeilnehmerInnen von Jane Roberts' ASW-Klasse Seth und sie selbst erlebten, so fokussiert sich Apropos ganz auf das Leben von Jane Roberts, von ihrer Geburt bis zu ihrem physischen Hinschied. Für diese Arbeit vertiefte sich Susan M. Watkins auch in die zahlreichen Tagebücher, Traumaufzeichnungen und anderen privaten Schriften von Jane Roberts, so dass auf diese Weise ein Buch entstand, das einen sehr persönlichen Blick auf das Leben dieses außergewöhnlichen Menschen wirft.

Um diesen Büchern den ihnen gebührenden Platz etwas zu bereiten, präsentieren wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, in diesem Newsletter zwei längere Auszüge und hoffen so, Ihr Interesse für diese faszinierenden Texte wecken zu können.   

Wie immer mit den besten Grüßen,
Maurizio Vogrig und Ursula Lang, Ihr Seth-Verlag


KAPITEL 21 AUS: DER GOTT VON JANE GOTT-SCHÖPFUNG UND GOTT-SCHÖPFER, UND MEHR VON SETH ÜBER DAS CHRISTENTUM

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Die Gefühle, die ich über den scheinbar endlosen Sommer verspürt hatte, waren plötzlich nur mehr Erinnerungen. Als der September kam, schien alles im und vor dem Haus zwischen nur kleinen, aber dafür unzähligen Veränderungen im Gleichgewicht zu balancieren. Bereits hingen weniger Blätter in den Baumspitzen, und durch die Lücken, wo sie jetzt fehlten, strahlte mehr Licht ins Wohnzimmer, das nun mein Arbeitszimmer war. Die Blätter glitzerten. Das neue Herbstlicht funkelte, und manchmal schien sich die Welt von einem Augenblick auf den anderen zu verändern, wobei sie mit jeder Wandlung intensiver, geladener wurde. Der Herbst kam näher, und obwohl die Blätter noch nicht fielen, noch nicht durch die Lüfte wirbelten, so rührten sich dennoch bereits überall die wilden Rhythmen, die sie hochjagen würden. Wenigstens kam es mir so vor.

Immer wieder dachte ich über Seths Sitzung über das Christentum nach, und in der Zwischenzeit schickten die Leute weiterhin Briefe über Ouija–Brett–Botschaften und „automatische“ Mitteilungen. Und was das für Mitteilungen waren! Da gab es eine Persönlichkeit aus einem anderen Sternensystem, die bereit war, jederzeit mit ihrem Raumschiff zu landen, um ihre Anhänger aus der „korrupten und sterbenden Umgebung“ der Erde zu entreißen. Da gab es Persönlichkeiten, die im Angesicht einer gewissen landesweiten Depression und Anarchie ökonomische Ratschläge anboten. Es gab Warnungen über planetare Katastrophen und das Ende der Welt. Aber die Botschaften enthielten auch Ratschläge darüber, wie diese verschiedenen Ereignisse von jenen vermieden werden könnten, die an die Mitteilungen glaubten; und schließlich sollten alle Katastrophen zu einem neuen Bewusstsein führen, entweder auf einer gesäuberten und reinen Erde oder „jenseits“ davon.

Die Leute, die schrieben, nahmen diese Botschaften wörtlich. Aber ich fragte mich, was sie wirklich bedeuteten. Sie waren das Grollen der Massenpsyche, dachte ich, das von verschiedenen Menschen auf ihre eigene Art und Weise ausgedrückt wurde. Die Botschaften widerspiegelten die Ängste unserer Zeit, übertrieben und aufgebauscht durch der Psyche natürlichen Sinn für Drama und Personifizierung. Die religiösen Aspekte störten mich jedoch. Ich erinnerte mich daran, was Seth über all die Sekten gesagt hatte, die zur Zeit der Geburt des Christentums blühten.

„Und das gilt auch für dich, Jane,“ dachte ich. Aber das Seth–Material war nie aufrührerisch gewesen. Seth machte niemals irgendwelche Vorhersagen. Er pries sich nicht selbst als Führer einer auserwählten Gruppe einer spirituellen Elite an. Und wenn ich den Menschen sagte, sie sollten ihren eigenen psychischen Informationen vertrauen, meinte ich damit nicht, dass sie unbedingt wörtlich genommen werden müssten. Aber trotzdem – warum sollten die Menschen Horrorgeschichten mitgeteilt bekommen? Und Geschichten religiöser Natur? Weil, dachte ich unbehaglich, solche Botschaften die Samen verschiedener Religionen enthielten, die auf alten Religionen beruhten, aber aktualisiert worden waren – Sternenmenschen, die an Stelle von Gott und seinen Engeln von den Himmeln herabstiegen und die wenigen aus den übrigen Menschen zur Rettung Auserwählten.

Und ich dachte immer wieder an Seths jüngstes Buch, das in jenen nun vergessenen Trancestunden erzeugt worden war – geordnet, diktiert und mit einer psychischen Leichtigkeit übermittelt, die ich noch immer erstaunlich fand. Und dann gab es da sein geplantes neues Buch Träume, „Evolution“ und Werterfüllung. Was würde dieses enthalten? Und irgendwo bei diesen Überlegungen erhielt das Wort „Evolution“ in Seths Titel eine besondere Bedeutung, die ich stark fühlte, aber nicht genau ausmachen konnte. Gleichzeitig verstärkten sich all die Fragen, die mir über Religion im Kopf herumgingen. Für Antworten musste ich auf meine eigenen Erfahrungen zurückgreifen, dachte ich, und die „Botschaften“ von anderen Leuten unbeachtet lassen. Und nochmals: Wer oder was glaubte ich wirklich, war Seth?

Ich begann, meine Gedanken aufzuschreiben, zu Beginn recht ruhig, aber unter meinen Sätzen konnte ich Verstehensströmungen vorbeirauschen fühlen. Schließlich schrieb ich schneller und immer schneller, schwankend am Rande neuer Perspektiven stehend oder zumindest meine Arbeit – und das Leben selbst – von einem anderen Standpunkt aus sehend. Ich schrieb den ganzen Morgen und auch den Nachmittag über. Es war Freitag, der 7. September. Ich schrieb die folgenden Absätze, und während ich schrieb, erkannte ich, dass dieses Material der nächstfolgende natürliche Entwicklungsschritt war, der den Gott von Jane–Gedanken und meiner Erklärung der psychischen Unabhängigkeit folgen musste.

„Die Seth–Erfahrung wirft so viele Fragen wie je auf, auch wenn jeder Tag neue Antworten und Einsichten zu bringen scheint. Ich glaube, dass Seth eine Art psychischer Erweiterung meines normalen Zustandes darstellt – das Selbst, das durch sich selbst ‚aufsteigt‘, indem es sich selbst als psychisches Sprungbrett in größere Realitäten gebraucht. Solange wir überzeugt sind, dass nur durch die physischen Sinne Informationen zu uns gelangen, sind wir auf solche psychischen Erweiterungen angewiesen, um Wissen zu erlangen, von dem wir glauben, dass es jenseits unserer Erfassensmöglichkeiten liegt.

„Vielleicht bin ich Seth auf einer anderen Aktivitätsebene, aber derart transformiert, dass sogar mir die psychischen Distanzen zwischen uns unüberwindlich erscheinen. Dort, nirgends, bin ich Seth. Hier, überall, bin ich ich, auf meiner eigenen Reise durch Raum und Zeit, ein Leben lebend, das in seiner Gesamtheit innerhalb des sprichwörtlichen Augenzwinkerns von Seth wahrgenommen werden kann.

„Doch da gibt es noch mehr; und während ich diese Zeilen schreibe, erkenne ich in der Seth–Erfahrung ein schwaches Leuchten der psychologischen Aktivitäten, die wir vielleicht genutzt haben, um unsere Götter zu erschaffen – Zeus mit seiner lebhaften göttlichen Mannschaft, Christus, Jehova, Buddha, Allah, Zarathustra und all die anderen. Doch was hätten wir für einen Grund für eine solche Aktivität?

„Plötzlich kommt es mir so vor, als ob so eine Aktivität eventuell unsere bislang höchsten kreativen Fähigkeiten als Spezies repräsentiert – die Schöpfung einer Reihe personifizierter psychischer Aspekte, die unser eigenes inneres Wissen repräsentieren, wie es außerhalb von Raum und Zeit existiert und das uns Weisungen gibt, die als Gebote oder neue Richtlinien für Aktionen erscheinen und auf diese Weise den individuellen Mitgliedern der Spezies das Wissen vermittelt. Der Haken hierbei ist, dass sich diese Weisungen in Gestalt von Visionen oder Offenbarungen den Weg durch die bewussten Überzeugungen des Geistes und die aktuelle Kultur bahnen müssen. Das Wissen ist zwar vorhanden, aber häufig wissen wir nicht, wie wir es interpretieren sollen.

„Innerhalb dieses Rahmens habe ich vielleicht die geistige Kunst des Gott–Schöpfens schon die ganze Zeit ausgeübt; und in diesem Kontext betrachtet, könnte ich vielleicht keinen besseren Dienst erweisen. Vielleicht bringt die Seth–Erfahrung jene alten psychischen Fähigkeiten ans Tageslicht, wo wir sie frei von religiösem Aberglauben studieren können, wenn wir das möchten, und sie als Beweis für unseren eigenen höchsten Genius wahrnehmen können; ein Genius, der hinter unserer ganzen Kreativität steht und der unsere Zivilisationen antreibt.

„Bis zu einem gewissen Grad sind die Ouija–Brett–Persönlichkeiten, die Kulte und die New Age–Religionen alles Versuche, psychische Inhalte aus ihrer althergebrachten Starrheit zu befreien und einen neuen, größeren Kontext zu finden, in welchem sämtliche Dimensionen der menschlichen Existenz kreativ ausgedrückt werden können. Die meisten dieser Kulte oder Sekten werden zu bizarr oder zu extrem sein, um den allgemeinen psychischen Zielen großer Menschenmassen dienen zu können und sie werden schließlich einfach auf der Strecke bleiben oder nur mit einigen wenigen treuen Anhängern fortleben.

„In dieser Übergangszeit werden einige Gruppierungen, wie etwa die Fundamentalisten, versuchen, der alten christlichen Doktrin neues Leben einzuflößen. Andere, deren Zahl größer zu werden scheint, werden sich östlichen Religionen mit ihren gleichermaßen starren Dogmen zuwenden. Jene Dogmen scheinen wenigstens neu zu sein, und viele Menschen, die des Wettkampfs müde sind, mögen vielleicht ein momentanes Gefühl von Frieden finden, indem sie von einem zwanghaften Wunsch nach Fortschritt, Erfolg und Leistung ablassen. Einige westliche Wissenschaftler sind von gewissen buddhistischen Konzepten fasziniert, die gewissen Gedanken der modernen Physik ähnlich sehen.

„Auf jeden Fall stimme ich keinem der Inhalte irgendeiner unserer organisierten Religionen zu. Ich bin davon überzeugt, dass schon der religiöse Prozess selbst die Übersetzung inneren intuitiven Wissens in eine bewusste Form umfasst, aber der Inhalt jener Form ist auch von unserem Verständnis an einem bestimmten historischen Zeitpunkt abhängig. Und unglücklicherweise haben wir immer noch nicht gelernt, zwischen psychischen Moralstücken (Psychodramen) und psychischen Tatsachen, die sich für eine wörtliche Interpretation eignen, zu unterscheiden. Der Grund hierfür liegt darin, dass wir nicht realisiert haben, dass es ein ganzes Spektrum innerer Wahrnehmungen gibt, die so unterschiedlich sind wie die äußeren.

„Aber in einem größeren Sinne sind wir alle Gott–Schöpfer – indem wir unsere eigenen Vorbilder als Antwort auf unser unbewusstes Erkennen davon erschaffen, dass wir und unsere Welt einer anderen Quelle entspringen.

„Diese Gedanken hätten mich vor wenigen Jahren noch sehr erstaunt. Wenn es etwas gab, von dem ich kein Teil sein wollte, dann war es die Religion. Aber ich sehe, dass alle unsere philosophischen Fragen, wie auch immer sie lauten mögen, auf die Frage nach dem Ursprung des Menschen zurückführen; und unsere Überzeugungen hierbei färben unsere Wissenschaften, Künste und Psychologien.

„Seth behauptet natürlich nicht, er sei allmächtig, und er behauptet auch nicht, er vollbringe mitten am Tag irgendwelche Wunder, außer jenen, die, wenigstens theoretisch, innerhalb unserer eigenen Möglichkeiten liegen. Er hat nicht die Absicht, eine neue Religion zu gründen. Und auch ich habe das nicht vor. Wir hoffen beide, dabei helfen zu können, eine neue, umfassendere Sicht der Realität ins Leben zu rufen; ein neues kulturelles Klima und eine Art philosophischer Struktur bieten zu können, die kraftvoll genug ist, um als Sprungbrett in neue Gebiete des Wissens und der Erfüllung dienen zu können, die bis jetzt für uns alle verschlossen waren.“

Als ich dieses Material schrieb, fühlte ich mich in einer Hochstimmung, und ich spürte neue Verbindungen zwischen mir als Erwachsener und dem Kind, das auf den Verandastufen Gedichte zu schreiben pflegte und sich über seine Beziehung mit dem Universum Gedanken machte. Auf eine unterschiedliche, konzentrierte Weise tat ich noch immer das Gleiche – aber ich hatte es einfach nicht realisiert. Als ich darüber nachdachte, erkannte ich zwischen dem Prozess des Gedichteschreibens und der Gott–Schöpfung noch weitere Verbindungen. Rob hatte mich gebeten, die Einführung zu Seths Individuum und Massenschicksal zu schreiben, und als ich hierzu am folgenden Montag Notizen machte, sah ich, dass meine Gedanken über das Gott–Schöpfen auch in der Einleitung auftauchten; ich begann, meine Beziehung zu Seth in einem klareren Lichte zu sehen. Weil einige Teile jenes Materials an dieser Stelle wichtig sind, füge ich folgenden Auszug ein:

„… Und welches ist meine Rolle bei alledem? Ich verstehe sie als eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche Rolle des Dichters: die Tiefen seiner eigenen Psyche zu erforschen, sich gegen die althergebrachten psychischen Barrieren zu stemmen, bis sie nachgeben und sich auf ein neues, mystisches Gebiet hin öffnen – auf die Psyche des Menschen hin, auf die Spezies selbst –, einen spektakulären Einblick in die innere Realität wahrnehmend, die der Dichter dann den Menschen vermittelt, indem er jene Vision in Wörter, Rhythmen oder Lieder übersetzt.“

In der Zwischenzeit drangen, während ich weiterhin über die Gott–Schöpfung nachdachte, Ereignisse, die auch religiöse Zusammenhänge hatten, in unser Leben ein, wie das zuvor mit der Wissenschaft der Fall gewesen war. So schickte uns zum Beispiel einer unserer begeisterten Leser ein Buch über die Geschichte der Päpste; und in seiner nächsten Sitzung sprach Seth über dieses Thema und fuhr dann fort, die Zustände in Rom kurz nach der Zeit von Christus zu kommentieren. Der erste Teil dieser Sitzung war anderen Themen gewidmet. Aber gemäß Robs Aufzeichnungen pausierte Seth um 21:57 Uhr und begann dann mit diesem Material. (Wir hatten das Buch über die Päpste noch nicht gelesen.)
 

Aus Seth–Sitzung 879 vom 17. September 1979

„Eine sehr kurze Anmerkung. Einige der frühen Päpste erlitten nicht durch die Römer den Märtyrertod, sondern wurden aus verschiedenen Gründen von ihren eigenen Leuten getötet – um Spaltungen zu vermeiden, um die Römer schlechter aussehen zu lassen als sie waren, und manchmal einfach auch nur, weil die Päpste zu machthungrig waren.

Zu jener Zeit wurde die Doktrin der Kirche gebildet. Einige der Päpste wollten Rom als Widersacherin aufbauen, unter der sich die neuen [christlichen] Sekten noch stärker gegen den gemeinsamen Feind vereinen sollten. Bei mehreren Gelegenheiten wurden Dokumente von Päpsten zerstört, die fürchteten, ihre Inhalte könnten aufrührerisch sein. Anderen Schriftstücken wiederum wurden Quellen zugeschrieben, die der Fantasie entsprangen. Was das Christentum jedoch hatte, war die breite Anerkennung der gewöhnlichen Menschen, denn als Ideal verkündete es die Gleichheit des Sklaven und des Herrschers.

„Die vermögenden Römer waren in Wirklichkeit schon vor der Zeit Christi untergraben worden – untergraben aus vielen Gründen. Zum einen gab es eine schwer kontrollierbare Gruppe von kleinen Geschäftsleuten, Freien und römischen Bürgern. Ihre Zahl vergrößerte sich sowohl durch die Reihe ausländischer Geschäftsleute, die in diese reiche Hauptstadt gekommen waren, als auch durch ehemalige Sklaven, die auf die eine oder andere Weise ihre Freiheit gewonnen hatten.

„Es war also eine so herzhafte und lebhafte Epoche wie jene Zeit, die ihr euch etwa für das Mittelalter vorstellt, als kleine Geschäftszweige zu blühen begannen. Einige Geschäftsleute brachten kaum ihren Lebensunterhalt zusammen, aber sie verteidigten ihre Freiheit eifersüchtig und logen oder betrogen auch ohne Skrupel, um ihre errungene Lebensweise behaupten zu können. Viele jener Menschen waren für die Ideen des Christentums reif. Sie brauchten einen Grund, um sich zu vereinen, und zwar einen, der ihnen ein Gefühl von Würde verlieh: ein Gefühl der Würde, das das römische Bürgerrecht einst allen Bürgern verliehen hatte – wenigstens im Idealfall. Zur Zeit Christi existierte dieser Anspruch kaum mehr.


Rom war überfordert. Seine Steuer–Struktur begann zusammenzubrechen. Der kleine Geschäftsmann wurde sehr stark besteuert, und im Gegenzug betrog dieser üblicherweise. Händler hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, einen Teil ihrer Unterlagen für legale Zwecke zu führen und einen anderen, der nur sehr wenig mit dem wirklichen Geschäft zu tun hatte. Diese kleinen Geschäftsleute, die Sklaven und Fremden vermischten sich und verschmolzen auf dem Marktplatz, und sie waren nicht zu bändigen. Sie wagten es nicht, Rom offen zu trotzen, so dass sie dafür sorgten, dass es von innen unterhöhlt wurde.

„Die Identität als Römischer Bürger begann zu bröckeln. Jeder war auf sich allein gestellt, und diese Art Gefühl verlangte nach einer Philosophie, mit der der Einzelne mehr anfangen konnte als mit Roms Diktum: der Gleichheit eines jeden römischen Bürgers. Es sollte die Gleichheit eines jeden Menschen sein, Römer oder nicht, unter einem Gott, der größer als der Staat sein sollte.

„Es sollte eine spirituelle, erweiterte Version von Roms gleichberechtigten Bürgern sein, ohne nationale Schranken. Die Menschen brauchten einen neuen Rahmen.

„Gib uns bitte einen Moment… Die Juden waren ausgezeichnete Geschäftsleute. Sie mischten sich unter die Römer. Sie unterstanden der Pranke der römischen Hoheit. Sie hatten auch eine Tradition religiöser Natur genau dort. Sie waren zahlreich und leidenschaftlich. Sie waren das einzige Volk, das als Volk unter Roms Herrschaft stark vereint war und das eine brauchbare, stark gefühlsbetonte und anziehungsstarke Überlieferung der Art besaß, die zu jener Zeit gebraucht wurde.

„Die Griechen standen zum Beispiel in einer Tradition, die zu kultiviert, zu philosophisch und, unter jenen Bedingungen, zu milde war, um irgendeinen geschlossenen Vorstoß bilden zu können. Sogar als wütende Sklaven schauten sie noch immer leicht auf die Römer herab und betrachteten sie eher als Techniker denn als originelle Denker.

„… Es gab eine große Lebenskraft, die darauf wartete, angezapft zu werden. Die Prophezeiungen der Juden aufgrund ihrer alten Bücher bezogen sich auf einen jüdischen Messias, der die Juden erlösen würde – aber in jener Zeit großen und kreativen Durcheinanders wurde ein beachtlicher, intuitiver Sprung welterschütternden Ausmaßes gemacht. Denn als Christus kam (im üblicherweise verstandenen Rahmen), weigerte er sich, sich nur mit den Juden zu verbinden, sondern sagte, er sei der Messias für alle Menschen, ungeachtet ihrer Nationalität.“

(Amüsiert:) „Wenn auch eine Regierung oder ein Imperium nicht all jene unterschiedlichen Menschen vereinen konnte, dann, bei Gott, könnte es aber ein Gott – ein Messias, der gleichermaßen die Energien der Juden, der Griechen, der Sklaven, der Geschäftsleute und Vagabunden sich erheben lassen könnte. Nun, das wäre tatsächlich ein Messias!

„Ein unmittelbarer Triumph der alten jüdischen Prophezeiungsüberlieferung hätte mit dem Kommen des Messias und mit der Gründung eines jüdischen Staates in politischem Sinn einen Höhepunkt erreicht. Solch einer Bedrohung wäre Rom sofort entgegengetreten; daher sagt Christus in einer anderen faszinierenden Interpretation tatsächlich, dass das himmlische Reich in euch ist – dass er also zum Beispiel keine physische Armee anführen wird, um Rom zu besiegen. Solch ein Versuch wäre lächerlich gewesen.

„Es wurden Belohnungen geboten, aber sie wurden für eine Weile verschoben. Die Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten jener Zeiten waren für alle klar ersichtlich. Der Mensch musste einen Rahmen finden, der ihn auffing, so dass die Vorstellung von Gerechtigkeit zumindest erhalten blieb. Trotz der Konkurrenz zwischen Sklaven und Sklaven und zwischen Sklaven und Geschäftsleuten, gab es noch immer eine Kameradschaft, die die Menschen miteinander verband und die sich schließlich ausgeprägter in der Idee der christlichen Zusammengehörigkeit materialisierte.“

(„Kann ich eine Frage stellen?“)

„Ja.“

(„Sagst du, dass ein Mann namens Christus tatsächlich gelebt hat?“ Ich erinnerte mich an verschiedene frühere Aussagen von Seth, die darauf hinausliefen, dass sich der Christus, den wir kennen, aus mehreren Individuen zusammensetzte.)

„Das gehört zu anderem Material, das ich euch gegeben habe. Ich wollte sagen, dass die offiziellen Worte des [biblischen] Christus schließlich so interpretiert wurden, als ob sie ganz bestimmte Dinge sagen würden…“

„Es ist so kompliziert,“ murmelte ich, als ich die Sitzung las. „Und es ist schon solange her. Und mit den Jahren wurde alles so verzerrt. Wen interessiert es schon, was damals geschah?“ Denn, dachte ich, ich wette, dass wir alle genau jetzt mit dem Gott–Schöpfen zu tun haben. In dieser Minute. Der Vorgang findet jetzt statt. Wahrscheinliche neue Götter schauen um die Ecken der Welt.

Und ich wollte nicht an alte Götter oder Wissenschaften denken, die bereits senil wurden. Aber ich sollte dem allem nicht ganz ungeschoren entgehen...

(c) Seth-Verlag


AUS KAPITEL 7 VON APROPOS JANE ROBERTS
WIRKLICH GROSSARTIG FÜR JEDES ALTER

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Ich sagte vielleicht drei Mal zu Jane: „Weißt du, du bist wirklich großartig für neununddreißig,“ bevor sie mich darauf ansprach. Es war im Herbst 1968, nachdem ich bereits eine Weile an den ASW-Klassen teilgenommen hatte und mehr oder weniger regelmäßig an den Freitagabend-Treffen dabei war. Ich war dreiundzwanzig. Rob war mit neunundvierzig ein Jahr älter als meine Eltern.

Rob war anwesend, als sie schließlich auf diese Bemerkung von mir reagierte. Ihre Körpersprache signalisierte, dass beide das Thema ausgiebig diskutiert und sich darauf vorbereitet hatten, als Team zu antworten. „Ich weiß nicht, was du damit meinst,“ sagte sie zu mir, mit ihrer hellen und klaren Stimme, aber ohne jeden spaßhaften Unterton. „Ich meine, ich kann das irgendwie einfach nicht mit dir zusammenbringen, Sue, weißt du? Ich denke, du solltest besser mal deine eigenen Glaubenssätze über das Alter betrachten; es ist ja nicht so, dass ich nicht verstehe, was du sagen willst und so, aber ich nehme an, was ich eigentlich zu sagen versuche, ist, dass ich wirklich überrascht bin.“

Ich erinnere mich, dass ich selbst ziemlich überrascht, um nicht zu sagen, eingeschnappt war und dachte… waaaas? Wovon redet sie denn überhaupt? Ich hatte es doch als Kompliment gemeint! Aber alles, was ich antwortete, war ein zahmes „Okay“, und ich sagte ihr nie mehr, wie großartig ich sie für neununddreißig fand.

Außer, dass sie wirklich großartig für neununddreißig oder jedes andere Alter war, was auch immer diese Bemerkung für sie bedeutete oder wie meine altersbezogenen Glaubenssätze damals auch gewesen sein mögen. Hier war sie, ließ sich auf einen psychologischen Ast hinaus, von dem niemand zu wissen schien, dass er auch nur existierte, und tat es mit einer makellosen Integrität und Ausgewogenheit, ganz zu schweigen von ihrer ständigen Selbsteinschätzung und ihrem kreativen Genie, was schon damals ziemlich rare Eigenschaften waren. Und dazu ließ sie ein- oder zweimal pro Woche eine Meute von Freunden, Fans und Fremden in ihre Wohnung, mit dem einzigen Zweck der Konversation und der philosophischen Entdeckungsreisen – was zwar damals nicht so seltsam war wie es das vielleicht heute mit E-Mail, Chat-Räumen und Multi-Kanal-Fernsehen wäre, die alle unsere stillen Stunden vereinnehmen, aber doch immer noch ziemlich wild, mit uns allen, die dort aus Jux und reinem Vergnügen Ideen und Meinungen und Argumente hin und her jonglierten (allerdings bei der ASW-Klasse für $ 2.50 pro Kopf).

Und hier waren sie beide, Jane die Schriftstellerin und Rob der Maler, ohne sich in irgendeiner Weise dafür zu rechtfertigen, wie sie ihr Leben um ihre Kunst herum strukturierten. An jedem Tag, was auch geschehen mochte, schrieb Jane und Rob malte. Sie erforschten das Bewusstsein und die Bedeutung der Realität und folgten ihren angestrebten Zielen mit der gleichen Hingabe, die sie beide seit ihrer Kindheit verspürt hatten. Ihr Leben, in anderen Worten, fokussierte sich nicht erst mit dem Erscheinen des Seth-Materials – es war eher so, dass sich jenes Werk aus dem Fokus des Lebens herauskristallisierte, den sie beide bereits erreicht hatten.

Ich war im Umfeld von künstlerisch begabten Frauen aufgewachsen, die ihre Energie verschwendeten, um sich den Karrieren ihrer Ehemänner unterzuordnen, und das betrauerten, was sie als Einschränkungen ihres Geschlechts betrachteten. „Eine Frau muss Scheuklappen tragen,“ sagte mir meine Mutter oft genug. „Eine Frau darf weder nach rechts noch nach links schauen – sie darf nur nach vorne blicken und so tun, als ob nichts anderes existiere.“ Eine der bevorzugten Autorinnen meiner Mutter war Dorothy Parker, deren Erzählung „Big Blonde“ für meine Mutter die Stimme von Frau Jedermann, der Demütigung und dem unerfüllten Sehnen, also dem Schicksal aller Frauen, war. Die erste wirkliche Verzweiflung, die ich je spürte, war beim Lesen dieser Geschichte, wozu mich meine Mutter praktisch gezwungen hatte, als ich zwölf oder dreizehn war. Die Botschaft war klar: Was du willst, kannst du nicht haben; Männer sind gefährlich, das Leben ist fürchterlich, du kannst dich gerade so gut betrinken. Und doch betrachtete meine Mutter erzählende Literatur unerklärlicherweise mit großem Abscheu. „Erzählungen sind Ausflüchte“, sagte sie viele Male. „Nur Feiglinge schreiben Erzählungen.“ Obwohl sich ihre Tiraden größtenteils gegen Romane richteten, verbarg ich vorsichtshalber meine Geschichten in der Schublade und behielt sie für mich.

Später verstand ich, dass meine Mutter mit ihrer eigenen Erwartungshaltung unvermeidlicher Enttäuschungen nur versucht hatte, mich davor zu bewahren, allzu viel zu erwarten. Im Gegensatz dazu erwartete Jane, kreativ gesagt, einfach alles, und ihr schriftstellerischer Hintergrund hatte sich aus Gedichten und Fantasiegeschichten entwickelt, ähnlich wie bei mir. Was machte es denn schon, wenn sie nicht um den Häuserblock herumlaufen konnte? (Eine wehmütige Frage, mit der sich Jane in ihren Tagebüchern immer wieder beschäftigt.) Meine Mutter konnte viele Male um viele Blöcke herumlaufen, sämtliche Schwimm- und Tauchrekorde der Männer an der Universität übertreffen und eine Million Runden Golf spielen, und noch immer fraß sie sich selbst bei lebendigem Leibe auf, indem sie ihre eigenen Fähigkeiten mit grimmiger Entschlossenheit unterdrückte.

Als Paar erschienen mir Jane und Rob selbst wie etwas aus einer Sciencefiction-Erzählung. Sie lebten bescheiden, auf eine unerschütterliche Irgendwie-wird-es-schon-gehen-Art (wie mit jenen Kartonwänden, über die Jane in ihrem Brief an Blanche Price berichtet) und hielten ihre Wünsche und Bedürfnisse unter Kontrolle, damit sie nicht ihr zentrales Gelübde, ihr Leben ihrer Kunst zu widmen, gefährdeten. Auf diese Art erschienen sie mir sehr radikal – ich kannte andere Künstler, die ein karges Leben führten, aber dies schien eher ein Vorwand oder eine schwere Last als ein methodischer Plan zu sein, dem man mit Freude folgt, um ein Lebensziel zu erreichen. In der Tat waren Jane und Rob etwa im gleichen Maße radikal wie konservativ. Sie gaben kein Geld für unnötiges Beiwerk aus, oder für das, was ich als Beiwerk (oder manchmal auch als unentbehrlich) betrachtete – also gab es zum Beispiel keine Einkaufstouren in Buchläden oder andere Extravaganzen jeglicher Art, auch keine im Essens-Bereich. Ihr Auto war (1968) ein alter Plymouth Valiant mit einer unzuverlässigen Batterie. Und diese beiden Leute, ungefähr im Alter meiner Eltern, lebten noch immer in einer mit selbst gemachten und Secondhand-Gegenständen ohne Antiquitätenwert möblierten Mietwohnung und schleppten weiterhin ihre schmutzige Wäsche in den Waschsalon oder (was mir jeweils einen milden Schauder des Entsetzens verursachte) wuschen sie im Badezimmer und hingen sie an den Türknäufen oder im Hof zum Trocknen auf.

„Die Schecks, die ich von Fantasy und Science Fiction erhielt, deckten manchmal während einiger Monate die Kosten für den Waschsalon,“ erzählte mir Jane einmal. „Wir brachten es immer fertig, gerade noch davon zu kommen.“ Sie sagte, dass sie es als eine Frage des Stolzes und auch der Liebe betrachtete, nie nach einem „schicken Haus mit allem Drum und Dran“ mit den entsprechenden Hypotheken zu verlangen und damit, in ihren Worten, „Rob in eine Falle zu locken“ – beide in eine Falle zu locken – mit Schulden. Ihre Hartnäckigkeit trug denn auch Früchte. Als sie 1975 endlich ihr eigenes Haus kauften, bezahlten sie es bar.

Und sie bezahlten auch ihre Arbeitsschulden, jeden Tag, was auch immer geschah. Wenn es an den Freitag- oder Samstagabenden oder am Silvester etwas länger geworden war und sie daher am nächsten Tag ausschliefen, setzten sie zusätzliche Arbeitsstunden ein, um dies wieder auszugleichen. Sie führten auch ohne nachzulassen ständig Buch darüber, wie auch immer ihre anderen Verpflichtungen waren. Während Jahren trug Jane in ihren frühen Tagebüchern ihre Schreibzeit bis hin zur Minute („6 - 7:30, 1 ½ Stunden; 20:20 – 21:10, 1 Stunde“) in Tabellen ein, zusammen mit den Stunden, die sie mit dem Verkauf von Küchenmessern oder Avon-Produkten von Haus zu Haus oder anderen Teilzeitstellen verbrachte, und verglich diese anderen Arbeiten mit ihrem Schreibplan. („Möglichkeit, es zu schaffen, und zur Hölle mit dem Abhängigsein von anderen in einem gewöhnlichen Job,“ schreibt sie am 13. Mai 1956 unter die Notizen eines ausgefüllten Tages. „Meine Initiative das Einzige, was zählen wird… Bei Gott, wir sind noch lange nicht geschlagen!“) Dazu kam ihr Beharren darauf, keine Kinder zu haben, was angesichts des damals viel gewaltigeren Drucks auf die Frauen nicht einfach war. Alles zusammen, all diese sorgfältig gehortete Energie und allmächtige Entschlossenheit, floss in die Erschaffung von Geschichten und Bildern… Was konnte meine Mutter mit „nur Feiglinge schreiben Erzählungen“ gemeint haben? Dies alles erschien mir unglaublich mutig. Nur wenn Jane von mir verlangte, dass ich das Gleiche tat, empfand ich das Potenzial als Gefängnis. Und so kam es, dass ich manchmal, wenn Jane wieder einmal auf mir herumgehackt hatte, weil ich nicht die richtige Hingabe für mein Schreiben hatte, dachte – na ja, Jane, wenigstens kann ich um den Block herumlaufen, wenn ich das will. Wenigstens kann ich verdammt noch mal jetzt gleich aufstehen und um den verdammten Block herumlaufen.

Natürlich sagte ich das nie. Im Kern von Janes und Robs Leben gab es etwas Geheimnisvolles, etwas, das mehr war als nur bloße Diskretion, das die Menschen auf Distanz hielt und das ich manchmal völlig falsch als eine Art Be- oder Verurteilung interpretierte. Es war wie ein schwarzes Loch, in das Fragen und Kommentare nach mir unentschlüsselbaren Kriterien geräuschlos versanken, um nie mehr aufzutauchen. Zum Beispiel fragte ich sie einmal, warum sie die Aufzeichnungen der ASW-Klassen nicht in Buchform herausgaben. „Du verstehst die Konsequenzen nicht,“ sagte mir Rob, und das war‘s denn auch. Es gab keine weiteren Erklärungen. Zu jener Zeit nahm ich an, dass dies bedeutete, dass es irgendeine furchtbare Diskrepanz in diesen Klassen-Aufzeichnungen gab, die sie nicht enthüllen wollten. Ich konnte mir nicht vorstellen, was denn Rob mit „Konsequenzen“ hätte meinen können. Heute glaube ich, dass es mehr mit ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre zu tun hatte und mit ihrem Wunsch, den Prozess oder die Vorführung von Jane, die vor der Klasse für Seth sprach, nicht stärker auszuleuchten, zumindest nicht stärker als es schon geschah – auch hier bewahrten sie eine sorgfältige Ausgewogenheit. Ihr Fokus lag auf dem Kontext des Materials, das den Prüfungen ihrer künstlerischen Standards standhalten musste. Sie verstanden auch, dass eine zu große öffentliche Zurschaustellung den essenziell privaten Prozess des Produzierens behindern könnte. Später, als ich selbst ernsthaft zu schreiben begann, verstand ich dann auch, dass dieses Geheimnisvolle ein natürlicher Bestandteil der kreativen Einsamkeit war, der Zentrierung der eigenen Energie und des Zusammenhaltens des Werkes als Ganzes.

* * * * *

Aber die Alterssache – na ja, die Alterssache; sie war nun mal da. Ich erinnere mich an die Einladung bei Jane und Rob mit den Grangers, am Vorabend meines sechsundzwanzigsten Geburtstags. Ich stöhnte und jammerte und wurde zunehmend verzweifelter darüber, weil ich bis jetzt überhaupt noch nichts aus meinem Leben gemacht hatte („keinen einzigen Roman veröffentlicht!“), zum allgemeinen Missvergnügen aller anderen, die mindestens fünfzehn Jahre älter waren als ich. Das heißt, alle außer Jane, die genau wusste, wovon ich sprach, denn sie hatte sich nach dem Gleichen gesehnt und tat es immer noch und würde es weiterhin tun: sich einen Namen in der literarischen Welt machen.

„Nein, hör mal, es geht hier nicht um die aufsteigende junge Romanschriftstellerin,“ warf Jane ein. „Eines Tages erwachst du und realisierst, dass du kein so junges Ding mehr bist und, wo ist denn jetzt die gottverdammte Anerkennung, und was zum Teufel ist denn eigentlich geschehen?“ Aber vor allem Bill ließ sich nicht besänftigen. „Sechsundzwanzig Jahre alt und ständig meckern!“, rief er. „Das Letzte vom Letzten! Du hast soviel Zeit – Mist, ich wünschte mir, ich wäre noch mal sechsundzwanzig! Wart nur, bis du vierzig bist! Du glaubst, dass es dir jetzt erbärmlich geht! Warts nur ab!“

Heute, weit über neununddreißig und in Wahrheit etwa so alt wie Jane, als sie starb, verstehe ich Bills Sicht der Dinge nur allzu gut, wie auch Janes Einwände gegenüber meiner früheren Einbildung.

Aber ich sage es trotzdem noch einmal: Jane war wirklich großartig für neununddreißig. Sie war eigentlich großartig für jedes Alter. Für jedes Alter, über das man diskutieren will.

(c) Seth-Verlag